Ein Text in einer unbekannten Sprache wird erst durch das Vorhandensein von Bekanntem verständlich. Das Vorhandensein von Internationalismen oder auch Wörtern mit gemeinsamer Etymologie und Bedeutung ist ausschlaggebend für das Phänomen der Interkomprehension – der Fähigkeit, eine verwandte, aber unbekannte Sprache zu verstehen, ohne sie jedoch aktiv zu beherrschen (vgl. z.B. Doyé 2005). Dies ist in der Praxis je nach Nähe der Sprachen mehr oder weniger erfolgreich innerhalb einer Sprachgruppe möglich, etwa zwischen dem Tschechischen und Slovakischen (Nábělková 2007, Golubović 2016) oder zwischen Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch (Gooskens, Golubović 2015, Golubović 2016). Dasselbe Prinzip funktioniert, jedoch nicht gleichermaßen unkompliziert, zwischen dem Polnischen und anderen slavischen Sprachen (ibid.). Auch eine sprachfamilienübergreifende Interkomprehension durch Rückgriff auf Internationalismen und Entlehnungen oder Wörter mit gemeinsamer etymologischer Herkunft (vgl. EuroComSlav und die Sieben Siebe; Mehlhorn 2014) ist längst Thema sprachvergleichender und fremdsprachendidaktischer Forschung geworden (Mehlhorn 2014, Doyé 2008, Ollivier 2007, Klein, Reissner 2006). Filomena Capucho (2002, übersetzt und zitiert nach Mehlhorn 2014) versteht Interkomprehension „nicht nur als ein Resultat linguistischen Transfers zwischen Sprachen derselben Familie, sondern als ein Resultat von Transferstrategien im Rahmen eines allgemeinen Interpretationsprozesses, der jeder kommunikativen Aktivität unterliegtˮ. Dieser Artikel stellt eine Weiterführung einer vorhergehenden Studie dar, die die vergleichende Bestimmung der lexikalischen (auf den Wortschatz bezogenen) und orthographischen Distanz (aktuelle Konvention der Verschriftlichung) zwischen slavischen Sprachen zum Ziel hatte. Die in jener Studie gemessenen linguistischen Distanzen sollen Prädiktoren dafür sein, wie schwierig es für slavische Lesende ist, eine andere slavische Sprache zu lesen und zu verstehen, wobei die beiden Ebenen Lexik und Orthographie getrennt betrachtet werden. Die Weiterführung dieser Studie besteht darin, dass die Methoden der sprachlichen Distanzmessungen nicht nur innerhalb der slavischen Sprachfamilie angewandt werden, sondern auch über ihre Grenzen hinaus. Eine solche sprachfamilienübergreifende Messung soll ein Interkomprehensionsszenario repräsentieren, bei dem z.B. Lesende mit Deutsch als L1 versuchen Polnisch zu verstehen – eine Situation, wie sie auch zu Beginn des Polnisch-Unterrichts an deutschen Bildungseinrichtungen auftreten könnte. Konkret ist hier die Fragestellung: Was sind die empirischen Voraussetzungen dafür, dass Interkomprehension im Polnischunterricht in Deutschland funktioniert? Welche Schlüsse erlauben die Methoden und Resultate linguistischer Distanzmessungen auf das Polnische? Gibt es für das Polnische eventuell sogar sprachliche Voraussetzungen, die Vorteile gegenüber anderen potentiell zu erlernenden Sprachen darstellen und ein Argument für die Wahl des Polnischen als L2/L3/LX wären?
Der Gebrauch von Internationalismen und verwandtem Vokabular ist außerdem eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass moderner Fremdsprachenunterricht von Anfang an in der Zielsprache stattfinden kann. Es wird davon ausgegangen, dass die zwischensprachliche Ähnlichkeit nicht nur ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Interkomprehension ist (Golubović 2016, Gooskens 2007), sondern auch den Fremdsprachenerwerb erleichtert, wobei Lernende gezielt auf bereits vorhandenes Wissen in einer Sprache zurückgreifen und aufbauen können (Mehlhorn 2014, Ringbom, Jarvis 2007).
Wir demonstrieren die Methoden und Ergebnisse lexikalischer und orthographischer Distanzmessungen des Polnischen gegenüber anderen Sprachen. Anschließend präsentieren wir die Resultate einer Pilotstudie mit einem bezüglich der Sprachkenntnisse sehr heterogenen Sample an Versuchspersonen, deren Aufgabe es war, polnische Internationalismen und Kognaten (Def. unten) mit gemeinsamer indoeuropäischer Herkunft möglichst korrekt in ihre Sprache zu übersetzen. Wir vergleichen die Resultate der Studie hinsichtlich der Art der Stimuli sowie des Sprachenrepertoires der Versuchspersonen.